Open Space des Rautenstrauch-Joest-Museum wird eröffnet
Wie kann sich das Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) in ein transkulturelles, demokratisches Diskussionsforum verwandeln, in dem Geschichten auf neue Weise vermittelt werden und Sammlungs-Objekte einen Bezug zum heutigen geopolitischen und gesellschaftlichen Wandel gewinnen? Wie reagiert das RJM auf die aktuellen Debatten rund um das koloniale Erbe von ethnologischen Museen? Wie kann es die Stadtgesellschaft aktiv mitdenken und mitgestalten lassen? Um diese Idealvorstellung eines Museums als transkulturelles demokratisches Forum des Austauschs und der Diskussion zu verwirklichen, ist es notwendig, seine musealen Methoden neu zu denken.
Aus diesem Anlass eröffnet das RJM einen Open Space, "Die BAUSTELLE": ein Treffpunkt im Museum zum Diskutieren, Nachdenken und Sich-Begegnen. Hier werden Fragen gestellt, Antworten gesucht und die Zukunft des Museums gemeinsam entworfen. "Die BAUSTELLE" ist ein kollektives Projekt. Hier trifft man sich, liest, malt, bastelt, erzählt, erfährt, tanzt, schaut, macht Musik, schreibt, chillt, diskutiert und baut mit. Wie auf einer Baustelle entwickelt sich das Projekt Schritt für Schritt weiter und verändert dabei ihr Aussehen und ihre Form. Auf ihr werden aktuelle gesellschaftsrelevante Themen auf unterschiedlichste Art verhandelt. Ziel ist auch, dass sich die Stadtgesellschaft in ihrer Diversität im RJM besser abbildet und dass alle ihre eigenen Themen und Perspektiven einbringen können.
Thematisch geht es insbesondere um die nächste große Sonderausstellung "RESIST! Die Kunst des Widerstands", in deren Zentrum kolonialer und postkolonialer Widerstand stehen und die im Herbst 2020 eröffnet wird. Das RJM lädt die Besucherinnen und Besucher ein, mitzudenken und sich aktiv an der Konzeption und Umsetzung der Ausstellung zu beteiligen.
Zur Einweihung der "BAUSTELLE" können die Besucher zusammen mit unterschiedlichen Initiativen, Aktivisten und Künstlern aus Köln sowie dem Museumsteam in Tischgesprächen, Performances und Aktionen im Raum die Möglichkeiten und Methoden des Open Space erleben. Sie erhalten außerdem erste Einblicke in die Ausstellung RESIST! und können selbst verschiedene Praktiken des Widerstands erproben.
Die Akteure bei der Eröffnung am Samstag, 7. Dezember 2019, sind unter anderen: In-Haus/Integrationshaus e.V. (Köln-Kalk), Antirassistisches Bündnis Tribunal NSU-Komplex auflösen/ Initiative Herkesin Meydanı- Platz für Alle, Bahar Gökten & Daniela Rodriguez Romero vom urbanen Tanzkollektiv nutrospektif, der Musiker Elektro Hafiz, die Tanzkünstlerin Benedetta Reuter.
Das Programm des Open Space, DIE BAUSTELLE, wird sich in den kommenden Monaten weiterentwickeln. Während des ersten Quartals 2020 wird DIE BAUSTELLE nur für spezifisch programmierte Veranstaltungen (siehe Quartalsprogramm und Facebook-Seite) geöffnet. Ab dem zweiten Quartal 2020 wird sie jeden ersten Donnerstag des Monats (von 10 bis 20Uhr) und jeden Sonntag ganztags geöffnet sein. Der Eintritt ist frei. Gefördert im Programm 360° - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft Kulturstiftung des Bundes.
Veranstaltungen in der BAUSTELLE in den kommenden Wochen:
Namibische Perspektive: Not about us without us!
Die Vorsitzende der "Ovaherero Genocide Foundation" in Namibia, Esther Utjiua Muinjangue, sagt "not about us without us!" und nimmt sich am Freitag, 13. Dezember 2019, um 19 Uhr im Forum "Die Baustelle" Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt des Themas "Frauen in Deutschlands Genozid an den Ovaherero und Nama und im fortdauernden Kampf für seine Wiedergutmachung" an.
Deutschlands kolonialer Genozid von 1904 bis 1908 im heutigen Namibia betraf neben den widerständigen Männern besonders auch Frauen und Kinder, die in der Omaheke/Kalahari verdursteten oder in Konzentrationslagern grausam zu Tode kamen. Die prominenten Ovaherero- und Nama-Aktivistinnen Esther Muinjangue und Sima Luipert berichten über den opferreichen Widerstand der Frauen und über ihre Rolle im anhaltenden Kampf für eine Anerkennung des Völkermords durch den Deutschen Bundestag. Sie erklären, warum die direkt vom Völkermord betroffenen Gemeinschaften von Deutschland eine offizielle Entschuldigung und Entschädigung verlangen. Die Moderation übernimmt Carla de Andrade Hurst.
Esther Utjiua Muinjangue wird gemeinsam mit der namibischen Aktivistin Talita Uinuses Bangarah für die ab November 2020 im RJM zu sehende Ausstellung "Resist! Die Kunst des Widerstands" einen Raum kuratieren, der den Genozid aus ihrer Perspektive erzählt. Die Veranstaltung findet deshalb im dafür neu eingerichteten Open-Space-Forum "Die Baustelle" statt. Besucherinnen und Besucher, Künstlerinnen und Künstler sowie Aktivistinnen und Aktivisten können hier miteinander diskutieren und mit performativen sowie diskursiven Aktionen experimentieren, sodass sie an der Konzeption und Umsetzung der Ausstellung 2020 teilhaben. "Resist!" wird die Perspektive der Kolonisierten und die Protestbewegungen aus dem sogenannten globalen Süden in den Mittelpunkt rücken. Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit Berlin Postkolonial e.V. und wird von der Bundeskulturstiftung gefördert. Der Eintritt ist frei.
Migrantischer Kampf
Das Thema des Jahres auf der BAUSTELLE ist verbunden mit der nächsten großen Herbstausstellung, "RESIST! Die Kunst des Widerstands", die sich mit kolonialem und postkolonialem Widerstand beschäftigt. Beim ersten Erzählcafé am Samstag, 8. Februar 2019, 15 Uhr, stehen die Widerstandsgeschichten von Migranten im Fokus, die in der deutschen Erinnerungskultur immer noch eine Leerstelle sind. Die Gäste des RJM werden ihre erlebten migrantischen Widerstandsgeschichten vorstellen und sich mit dem Publikum austauschen. Moderiert wird das Erzählcafé von Diversity-Managerin Aurora Rodonò.
"BAUSTELLENSPRECHSTUNDE RESIST!"
Obwohl immer intensiver über die Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen gesprochen wird, geschieht dies bis heute selten aus der Perspektive der Kolonisierten und ihre Widerstandsgeschichten sind kaum Teil der Erzählungen und Debatten. Deshalb hat das RJM kolonialen und postkolonialen Widerstand zum Thema des großen experimentellen und partizipativen Sonderausstellungsprojekts "RESIST! Die Kunst des Widerstands" gemacht. Das RJM möchte am Donnerstag, 23. Januar 2019, 13. Februar und 12. März 2020, 18.30 Uhr, die Bürgerinne und Bürger bereits zehn Monate vor der Eröffnung im November 2020 sowohl aktiv an der Konzeption, als auch an der schrittweisen Umsetzung der Ausstellung beteiligen. Sie sind zur regelmäßigen Sprechstunde RESIST! Im neuen Open Space, "DIE BAUSTELLE" des RJM eingeladen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren dort mehr über das, was das Rautenstrauch-Joest-Museum vorhat. Was hat Widerstand mit Ihnen zu tun? Was sind Ihre persönlichen Widerstandsgeschichten? Welche Widerstandsgeschichten sollen Teil der Ausstellung werden? Auf welche Weise sollen diese Geschichten gezeigt und erzählt werden?
Meet the Diversity Managers!
Wie kann eine Museumspraxis aussehen, die diskriminierungskritisch ist und die die Gesellschaft der Vielen sowohl strukturell als auch inhaltlich abbildet? Um ein Gleichgewicht der Geschichte herzustellen und unterdrückte Stimmen hörbar zu machen, bedarf es einer Revision von Erzählungen. Folglich geht es am Donnerstag, 13. Februar und 12. März 2020, 18.30 Uhr, darum, den Museumsraum zu diversifizieren und gemeinsam mit den Akteuren marginalisierter Gruppen an einer alternativen Wissensproduktion zu arbeiten. Teilnehmer können die Diversity-Managerinnen Carla de Andrade Hurst und Aurora Rodonò bei einer Tasse Tee treffen.
Sonderausstellung "RESIST! Die Kunst des Widerstands"
Obwohl in den letzten Jahren in Deutschland immer intensiver über die Kolonial-geschichte und ihre Auswirkungen gesprochen wird, geschieht dies immer noch sehr selten aus der Perspektive der Kolonisierten. Insbesondere der Widerstand, der von ihnen in den kolonisierten Gebieten gegen die Kolonialherrschaft immer wieder geleistet wurde, wird bis heute kaum thematisiert. Deshalb hat sich das RJM entschieden, „Widerstand“ zum Thema eines großen experimentellen und partizipativen Sonderausstellungsprojekts zu machen. Die Ausstellung wird im November 2020 eröffnet.
"RESIST! Die Kunst des Widerstands" wird keine historische Übersichtsausstellung über Widerstand, sondern eine transversale Erzählung, die verschiedene Zeitlichkeiten und Topographien überblendet. Eine kaleidoskopische Ausstellung, in der zahlreiche Facetten der Kunst des Widerstands in der Vergangenheit und der Gegenwart sichtbar werden. Die Ausstellung bildet unterschiedliche Erfahrungen, Erlebnisse, Stimmungen, Ausdrücke und Emotionen ab. Sie erzählt globale und lokale Geschichten, präsentiert kollektive sowie persönliche Erinnerungen, die Geschichten von wichtigen großen Widerstandshelden und Aktionen, aber auch die vielen kleinen Erzählungen von stillem Widerstand und Protest in der Vergangenheit und Gegenwart. Der Epilog der Ausstellung widmet sich dem Konzept der Resilienz. Sind Prozesse von Resilienz eigentlich auch nicht ein Ausdruck von Widerstand? Wie haben Menschen trotz Katastrophen, Härten, Schocks oder Traumata, ihre Wunden, persönlichen oder kollektiven Verletzungen geheilt? Inwieweit kann eine Revitalisierung von Ritualen und anderen Ausdrucksformen auch Zeichen von Resilienz sein? In diesem Kontext, spiegelt Resilienz den Willen wider, Traumata zu überwinden und sich aktiv mit der Gegenwart und der Zukunft auseinanderzusetzen. Im Epilog der Ausstellung werden die Besucherinnen und Besucher auch nach ihrer persönlichen Definition von Widerstand gefragt. Es wird das erste Mal in Deutschland sein, dass ein Museum mit ethnographischen Beständen Aktivisten und Künstler aus dem Globalen Süden so viel Raum gibt.